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Wildtiershootings:
Profit auf Kosten der Tiere

Wir haben dokumentiert, was hinter sogenannten Wildtier-Fotoshootings steckt. Gemeinsam mit Content Creator Stephan Pütz haben wir uns in Wachtberg-Berkum bei Bonn zu einem Tigershooting angemeldet. Im Mittelpunkt: Fritz, ein gerade einmal 14 Monate alter Jungtiger. Eine Stunde lang muss er ohne Pause für das perfekte Bild herhalten, kontrolliert über eine kurze Leine. Immer wieder reißt der Dompteur ihn gewaltsam und ruckartig zurück. Fritz faucht, knurrt und zeigt eindeutige Abwehr- und Alarmsignale. Sie werden ignoriert. Für Fritz gibt es kein Entkommen.

Beim Shooting in der Nähe von Bonn dient der 14 Monate alte Tiger als „Accessoire“ für die Fotos von insgesamt drei Teilnehmenden. Rund 60 Minuten lang wird er ohne Pause in verschiedenste Positionen gezwungen. Unser Foto- und Videomaterial dokumentiert massive Stresssymptome des Jungtiers: Zischen, Knurren, angelegte Ohren und Fluchtversuche.

Um Fritz für die Teilnehmenden gefügig zu machen, zerrt der Dompteur immer wieder ruckartig an der Halsleine und stranguliert ihn einmal. Fritz zieht immer wieder nach hinten und versucht, der Situation zu entkommen. Die Verhaltenswissenschaft spricht hier von „aktivem Vermeidungsverhalten“ [1]. Solche sich wiederholenden Verhaltensmuster sind bei Großkatzen in Gefangenschaft als Reaktion auf körperliche Fixierung, mangelnde Stimulation oder ausweglose Angst und Frustration dokumentiert. Sie können ein Zeichen für beeinträchtigtes Wohlbefinden sein [2]. Eine Studie zu Löwenjungen, die in Südafrika für Streichelangebote und Fotos mit Touristinnen und Touristen eingesetzt wurden, fand in 77 Prozent der ausgewerteten Videos mindestens ein Stressverhalten. Am häufigsten war Vermeidungsverhalten [3].

Wir schauen nicht weg:
Strafanzeige gegen Melody’s Circusland

Wegen des Verdachts auf Tierquälerei haben wir bei der Staatsanwaltschaft Bonn Strafanzeige erstattet, gegen den Dompteur und alle weiteren Verantwortlichen des Betriebs. Der Vorwurf: Fritz sollen wiederholt erhebliche Schmerzen und Leiden zugefügt worden sein, eine Straftat nach § 17 Tierschutzgesetz (TierSchG) [4]. Die Anzeige umfasst auch die Haltung aller weiteren Tiger bei Melody’s Circusland.

Das Leben in Gefangenschaft verwehrt ihnen ihr arttypisches Verhalten. In freier Wildbahn durchstreifen Tiger Gebiete von bis zu 6.000 Quadratkilometern, hier bleiben ihnen wenige hundert Quadratmeter. Statt zu rennen, laufen sie stereotyp an der Käfigwand auf und ab. Sie wirken mager und apathisch. Alle paar Wochen werden sie verladen und zum nächsten Gastspielort transportiert. Das Leid von Fritz und den anderen Tigern hat System, denn Wildtiere im Zirkus sind in Deutschland noch immer erlaubt.

Auf eine Anfrage zu den Vorwürfen hat der Dompteur von Melody’s Circusland nicht reagiert.

 
 

Deutschland: EU-Schlusslicht beim Wildtierverbot im Zirkus

In 26 von 27 EU-Mitgliedstaaten ist die Haltung von Wildtieren im Zirkus gesetzlich verboten oder eingeschränkt [5]. In Ländern wie Griechenland, Zypern und Malta sind sogar alle Tiere in der Manege untersagt.

Deutschland dagegen hat bis heute keine bundesweite gesetzliche Regelung, obwohl Tierschützende seit Jahren ein Verbot fordern. Der Rückhalt dafür reicht von staatlichen Organen über wissenschaftliche Verbände bis in weite Teile der Politik. Der Bundesrat hat mehrfach mit deutlicher Mehrheit Entschließungen verabschiedet, die die Bundesregierung auffordern, Wildtiere im Zirkus endlich zu verbieten. Passiert ist bis heute nichts.

Warum sich VETO jetzt engagiert: Unser Einsatz im Auslandstierschutz hat gezeigt, dass wir gemeinsam viel bewegen und den Tieren eine starke Stimme geben können. Das wollen wir ab jetzt verstärkt in Deutschland, auch für Tiere in der Unterhaltungsindustrie. Denn nur wer Missstände sichtbar macht und aufklärt, kann langfristig etwas verändern.

„Jeder empört sich über Tigershootings in Thailand, während genau derselbe Irrsinn bei uns in Deutschland ganz legal passiert. Das ist nicht nur gefährlich für die öffentliche Sicherheit, sondern Tierquälerei. Die Menschen müssen endlich begreifen: Kein Wildtier macht das freiwillig. Hinter jedem Foto steht eine Dressur, die auf Angst, Gewalt und Einschüchterung basiert und schon im jüngsten Alter beginnt. Dieser Missbrauch von Tieren zu Unterhaltungszwecken muss endlich verboten werden.“

content creator stephan puetz im portrait

– Stephan Pütz, Content Creator

Warum gehören Wildtiere nicht in den Zirkus?

Wildtiere im Zirkus zeigen häufig Verhaltensstörungen, weil sie unter Bedingungen leben, die ihr natürliches Verhalten stark einschränken. Aus dem unterdrückten Verhalten entstehen oft sogenannte Stereotypien, also wiederholte Bewegungsmuster ohne erkennbaren Zweck. Besonders Elefanten und Großkatzen sind aufgrund ihrer biologischen Bedürfnisse, unter anderem nach Platz und Bewegung, für ein Leben im Zirkus ungeeignet [6].

 

Haltung: Eingesperrt im Zirkus

Tiger sind hochmobile Raubtiere, die in freier Wildbahn weite Strecken zurücklegen. Genau solche Arten zeigen in Gefangenschaft besonders häufig Verhaltensstörungen: Bei Tigern in Zoos macht stereotypes Hin- und Herlaufen, das sogenannte Pacing, im Schnitt 60 Prozent der beobachteten Zeit aus [7]. Solche Stereotypien gelten als Zeichen dafür, dass die Umgebung die Bedürfnisse eines Tieres nicht erfüllt. Tiger sind für ein Leben im Zirkus nicht geeignet [8].

 

 

Dressur: Kunststücke unter Zwang

Ein Tiger springt nicht aus eigenem Antrieb durch einen Reifen. Solches Verhalten entsteht durch Dressur, häufig mit aversiven Methoden: Unangenehme Reize, Angst oder Schmerz bringen die Tiere zu einem Verhalten, das nicht ihrer Natur entspricht. Genau das haben wir beim Fotoshooting selbst miterlebt.

Tiere brauchen eine Umwelt, in der sie sich artgerecht verhalten können. Für Tiger heißt das unter anderem Bewegung, Erkundung, Rückzug und Beschäftigung, und all das lässt sich im Zirkus kaum erfüllen. Artgerechte Haltung ist mehr als Futter und medizinische Versorgung. Ein Tiger ist kein Artist. Er ist ein fühlendes Lebewesen mit eigenen Bedürfnissen.

Scheinargument Artenschutz

Eines der häufigsten Argumente für Wildtiere im Zirkus lautet, dass Haltung und Zucht zum Erhalt bedrohter Arten beitragen. Das klingt zunächst überzeugend, hält aber bei genauerem Hinsehen nicht stand. Ein Zirkus hält Tiere zur Unterhaltung. Er will keine bedrohte Wildpopulation stabilisieren und keine Tiere in geeignete Lebensräume zurückführen.

Ein im Zirkus geborenes Tigerbaby trägt deshalb nicht zum Erhalt einer einzigen wild lebenden Tigerpopulation bei. Es schützt weder vor Wilderei noch bewahrt es den Lebensraum seiner Art. Hinzu kommt: Zirkustiger sind für wissenschaftliche Erhaltungszuchtprogramme meist ungeeignet, weil ihre Abstammung unklar ist oder sie gezielt auf Farbvarianten wie den weißen Tiger gezüchtet wurden. Artenschutz funktioniert nicht, indem man möglichst viele Wildtiere gefangen hält. Er funktioniert durch wissenschaftlich geplante Programme, die auf die konkrete Bedrohung einer Art reagieren. Wer Tiger erhalten will, muss dafür sorgen, dass sie wieder sicher in freier Wildbahn leben können.


Mehrheit lehnt Tiere im Zirkus ab

Die Gesetzgebung hinkt hinterher, obwohl die Mehrheit der Deutschen Wildtiere im Zirkus ablehnt. 2023 ergab eine repräsentative Ipsos-Befragung von 2.000 Menschen im Auftrag von VIER PFOTEN, dass sich 75 Prozent für ein Verbot aussprechen. In einer YouGov-Befragung von 2015 nannten 41 Prozent Tiere im Zirkus sogar als Grund, nicht in den Zirkus zu gehen.

 
 

„Die Deutschen wollen keine Tiere im Zirkus. Gemeinsam müssen wir dafür aufstehen, dass die Politik diese Tierquälerei bundesweit endlich verbietet.“

– Sarah Schonert, VETO
 

Petition: Schluss mit Tigershootings

Kein Erinnerungsfoto ist das Leid eines Tieres wert. Mit unserer Petition fordern wir ein bundesweites Verbot von Tieren im Zirkus und von kommerziellen Foto- und Kontaktangeboten mit Wildtieren. Jede Unterschrift zeigt der Politik, dass die Menschen in Deutschland keine Wildtiere an der Leine wollen.

Unterstütze unsere Arbeit

Recherchen brauchen Zeit, Expertise und juristische Begleitung. Sie liefern Beweise für Strafanzeigen und machen politischen Druck erst möglich. Deine Spende macht unsere aktivistische Arbeit möglich.

 

Quellen

1 Chorney, S. et al. (2022): Poor Welfare Indicators and Husbandry Practices at Lion (Panthera leo) „Cub-Petting“ Facilities: Evidence from Public YouTube Videos. Animals 12(20), 2767. Online abrufbar unter. https://doi.org/10.3390/ani12202767. Abgerufen am 30.09.2026.

2 Welfare Implications for Tigers in Travelling Circuses (2024). Animals 14(7), 1053. Online abrufbar unter https://doi.org/10.3390/ani14071053. Abgerufen am 30.09.2026.

3 Chorney, S. et al. (2022): Poor Welfare Indicators and Husbandry Practices at Lion (Panthera leo) „Cub-Petting“ Facilities: Evidence from Public YouTube Videos. Animals 12(20), 2767. Abrufbar unter https://doi.org/10.3390/ani12202767. Abgerufen am 30.09.2026.

4 Bundesministerium der Justiz und Verbraucherschutz (2026): Tierschutzgesetz, Paragraph 17. Online abrufbar unter https://www.gesetze-im-internet.de/tierschg/__17.html. Abgerufen am 30.09.2026.

5 Pro Wildlife (2026): Wildtiere im Zirkus: Warum Deutschland noch kein Verbot hat. Online abrufbar unter https://www.prowildlife.de/aktuelles/hintergrund/zirkus/. Abgerufen am 30.09.2026.

6 Iossa, G., Soulsbury, C. D. & Harris, S. (2009): Are wild animals suited to a travelling circus life? Animal Welfare 18, 129–140. Online abrufbar unter https://www.federalcircusbill.org/wp-content/uploads/2014/04/Iossa2009.pdf. Abgerufen am 30.09.2026..

7 Iossa, G., Soulsbury, C. D. & Harris, S. (2009): Are wild animals suited to a travelling circus life? Animal Welfare 18, 129–140. Online abrufbar unter https://www.cambridge.org/core/journals/animal-welfare/article/are-wild-animals-suited-to-a-travelling-circus-life/C76563EC6154E70AF3DB8A33832349C3. Abgerufen am 30.09.206.

8 Welfare Implications for Tigers in Travelling Circuses (2024). Animals 14(7), 1053. Online abrufbar unter https://www.mdpi.com/2076-2615/14/7/1053. Abgerufen am 30.089.2026.