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Tierschutz in Rumänien

Von Tötungsprämien und Gnadenfristen

In ganz Europa leben Millionen Hunde und Katzen auf der Straße – einige Länder sind weniger betroffen, andere mehr. In Rumänien sieht man sie fast überall: Unzählige Vierbeiner streunen in den Städten und Dörfern durch die Gegend. Das Land gilt unter Tierschutzorganisationen als einer der Orte, die eine besonders hohe Anzahl von Straßenhunden verzeichnet. Der Bedarf an Hilfe vor Ort ist groß, weshalb sich europaweit zahlreiche Tierschutzorganisationen in Rumänien engagieren.

Der Überlebenskampf auf der Straße ist hart, doch die größte Gefahr für die rumänischen Vierbeiner ist nicht der Hunger oder die Vielzahl an Krankheiten, sondern der Mensch.

Das Ende der Dörfer: Deshalb gibt es so viele Straßenhunde

Wie kam es dazu, dass Rumänien so ein immens großes Problem mit Straßenhunden hat? Der Ursprung liegt bereits einige Jahrzehnte zurück, beeinflusst das Land aber bis heute.

Das sogenannte Systematisierungsprogramm sollte – so der Plan – das Land bis 2000 komplett umstrukturieren. Zwischen 5.000 und 7.000 Dörfer sollten laut diesem Programm verschwinden und durch wenige agroindustrielle Zentren ersetzt werden.

Viele Menschen machten sich auf den Weg: Sie verließen ihre Heimatdörfer, um in der nächsten Stadt für ihre Familien eine Zukunft aufzubauen. In die kleinen Dörfer wurde von staatlicher Seite nicht mehr investiert. Viele Ausgewanderte fanden ihr neues Zuhause in Plattenbauten, die gerade genug Platz für die Menschen boten. Haustiere waren hier unerwünscht.

Hunde und Katzen wurden in den verlassenen Dörfern einfach im Stich gelassen. Sie ernährten sich von dem, was sie fanden, und vermehrten sich unkontrolliert. Schon bald wurden die Tiere, die sich immer neue Reviere auch in den Städten erschlossen, zum Ärgernis.

Die Umsiedlung der Menschen funktionierte nicht. Heute leben viele Rumän:innen in großer Armut – besonders in den Dörfern, die es eigentlich gar nicht mehr geben sollte.


Gegen alle Widerstände: Tierschützer:innen in Rumänien

Private Tierheime sind für rumänische Vierbeiner oft der einzige Ort, an dem sie in Sicherheit sind. Die Menschen, die sich für die Hunde und Katzen einsetzen, werden wenig unterstützt und oft belächelt.

Du kannst ihnen mit deiner Futterspende Hoffnung schenken.

 

Armut schafft Tierleid

Rumänische Tiere haben selten den Stellenwert wie Haustiere in Deutschland. Falls sie ein Zuhause haben, leben sie oft im Garten oder auf dem Hof – an schweren Metallketten. Sie bewachen das Grundstück und erhalten dafür ein wenig Futter und Wasser. Kastriert oder medizinisch versorgt werden sie nicht.

In ländlichen Regionen leben viele Menschen in sehr ärmlichen Verhältnissen. Ihr Einkommen reicht gerade für das Nötigste. Alte und Kranke müssen in der Regel von der Dorfgemeinschaft mitversorgt werden, damit sie überleben. Um das Wohlergehen der Tiere kümmert sich hier kaum jemand. Wenn es den Menschen schlecht geht, geht es den Tieren noch schlechter.

Wach- und Hofhunde sind in der Regel nicht kastriert. So geschieht es, dass auch Hunde, die ein Zuhause haben, sich mit Straßenhunden paaren. Für die Halter:innen der Muttertiere scheint es oft nur einen Ausweg zu geben: Sie entsorgen die ungewollten Welpen in Müllcontainern oder setzen sie aus.

Überleben die Kleinen, sind sie die neue Generation Straßenhunde, die auf der Suche nach Futter die Umgebung durchstreift. Wie ihre Elterntiere sind die jungen Hunde vielen Gefahren schutzlos ausgeliefert: Sie müssen sich gegen andere Hunde behaupten, Krankheiten überstehen und vor allem den skrupellosen Hundefängern entkommen.

 

„In der Bevölkerung gibt es unterschiedliche Meinungen. Einige wollen aktiv eine Besserung herbeiführen, andere sind nicht interessiert und andere lehnen Tierschutz durch beispielsweise Kastration ab. Gleichzeitig gelten die Straßenhunde als dreckig und Krankheitsüberträger.“

Future 4 Paws e. V.

Wie die Jagd auf die Straßenhunde begann

Bereits seit 2001 gibt es in Rumänien ein Tierschutzgesetz, trotzdem war es bis 2007 erlaubt, Straßenhunde einzufangen und umzubringen. Erst mit dem Eintritt in die EU änderte sich diese Praxis: Gesunde Tiere durften nun nicht einfach getötet werden und auch Tierquälerei wurde unter Strafe gestellt. Die Situation der Straßenhunde blieb dramatisch, doch immerhin wurden sie nun nicht mehr per Gesetz verletzt und getötet. Doch ein Vorfall im Jahr 2013 änderte schlagartig alles.

Durch einen Beißangriff kam ein Kind tragisch ums Leben. Zunächst wurde berichtet, dass Straßenhunde den Vierjährigen attackiert hätten. Quasi über Nacht verabschiedete die Regierung das Gesetz „Ionut 258/2013“, um die Straßen von freilebenden Hunden zu säubern. Ionut war der Name des getöteten Kindes. Wenig später wurde klar: Nicht Straßenhunde hatten den Jungen gebissen, sondern Wachhunde. Trotzdem galten Straßenhunde fortan als potenzielle Gefahr.

Statt eine humane Lösung zu finden, setzte die Politik auf das systematische Töten der Straßenhunde – auch heute noch. Inzwischen ist für viele Menschen das Jagen und Fangen der Tiere zum Hauptberuf geworden.

Das Geschäft mit dem Tod

Städtische Tierheime und Tötungsstationen in Rumänien werden mit beträchtlichen Geldsummen pro Tier staatlich gefördert. Sowohl für die zwischenzeitliche Versorgung, als auch für die Tötung eines Tieres erhalten die Betreiber:innen Zuschüsse.

Für jeden gebrachten Hund wird eine Prämie gezahlt: bis zu 75 Euro pro Tier. Diese finanzielle Belohnung stellt für viele Menschen in Rumänien eine lukrative Einnahmequelle dar, aus der sich mit den Jahren ein richtiger Geschäftszweig entwickelte.

Große private Firmen bewarben sich um die gewinnbringenden Aufträge zur Beseitigung der Hunde. Ein regelrechter Wettkampf um die Entsorgung der schutzlosen Tiere entbrannte, denn plötzlich ließ sich mit den ungeliebten Lebewesen gutes Geld verdienen.

Politischer Irrsinn auf Kosten der Tiere

Um die Straßen von freilebenden Tieren zu säubern, wurden die Landkreise Rumäniens mit der Lösung des Problems beauftragt. Wie jedes Mitgliedsland der Europäischen Union erhält auch Rumänien zweckgebundene und nicht zweckgebundene Subventionen.

Ein Teil der EU-Gelder fließt so in das Städtemanagement und somit in die Abfall- und Tierkörperbeseitigung der 41 Landkreise. Darunter fällt auch das sogenannte Stray-Dog-Management, also das Einfangen und Beseitigen der Straßentiere. Solange die politische Lage sich nicht ändert, wird die Jagd auf Straßenhunde in Rumänien weitergehen – und somit auch ein tödlich endender Leidensweg für viele Hunde.

Zwei Orte, die den Tod bringen

Das Schicksal der Straßenhunde ist nach dem Einfangen besiegelt: Werden sie in ein sogenanntes Kill-Shelter gebracht, tötet man sie nach einer Frist von 14 Tagen. Tierschutzorganisationen werfen den Leitungen der Einrichtung vor, die staatlichen Gelder nicht für die Versorgung der Tiere zu verwenden, denn die Vierbeiner in Tötungsstationen sind oft in einem erbärmlichen Zustand.

Vermutet wird, dass die Betreiber:innen sich an den Pauschalbeträgen selbst bereichern. Landen die Tiere nicht im Kill-Shelter, sondern in einem der städtischen Tierheime, erwartet sie in der Regel ein langsamer, schleichender Tod. Laut Tierschützer:innen haben diese Einrichtungen nicht das Ziel, die Tiere zu schützen oder gar zu vermitteln. Sie bewahren sie lediglich auf.

Wenn es Tierschutzorganisationen gelingt, Vierbeiner aus den städtischen Tierheimen zu übernehmen, sind sie meist in einer so schlechten gesundheitlichen Verfassung, dass die Vermutung naheliegt, dass die Tiere hier nicht artgerecht versorgt werden. Tierschützer:innen berichten von Hunden und Katzen, die in den städtischen Tierheimen verhungern oder im harten Winter einfach erfrieren.

Sinnloser Tod: Tierschützer:innen fordern Kastrationen

Längst ist bewiesen, dass das grausame Umbringen der Tiere keinen Rückgang der Population auf der Straße bewirkt. Für jeden gefangenen und entsorgten Hund, nimmt ein neues Straßentier seinen Platz ein, denn Nachkommen gibt es genug. Eine Lösung des Problems wären flächendeckende Kastrationen von Haus- und Straßentieren. Bereits seit 2013 ist gesetzlich verankert, dass Halter:innen ihre Hunde kastrieren lassen müssen. Ein guter Ansatz, denn so könnten sich zumindest diese Tiere nicht mehr mit den freilebenden Hunden paaren. Doch besonders in den ländlichen Regionen findet das Gesetz keine Anwendung. Es mangelt an den finanziellen Möglichkeiten der Menschen, an Fachpersonal und vor allem an Aufklärung.

Gemeinsam stark für Hunde und Katzen in Rumänien

Tierschützer:innen aus ganz Europa kämpfen unermüdlich dafür, die Menschen vor Ort zu sensibilisieren und politische Veränderungen herbeizuführen.

Organisationen, die VETO angeschlossen sind, leisten in Rumänien nicht nur wichtige Öffentlichkeits- und Aufklärungsarbeit, sondern führen auch regelmäßig Kastrationsprojekte durch, bei denen Haustiere kostenfrei kastriert werden können. Die Geld-Prämie, die die Vereine mit jeder Futterspende über die individuelle Wunschliste erhalten, hilft dabei, diese Aktionen finanzieren und umsetzen zu können.

Ein Umdenken in der Bevölkerung, so berichten uns die Tierschutzvereine, ist bereits spürbar. Immer mehr ehemalige Straßentiere finden auch innerhalb Rumäniens ein liebevolles und artgerechtes Zuhause. Aufklärungsprojekte und Öffentlichkeitsarbeit zeigen langsam ihre Wirkung.

Tierschutzorganisationen in Rumänien retten so viele Hunde wie möglich aus den Tötungsstationen und den todbringenden Tierheimen. Sie päppeln sie auf, füttern sie und machen sie bereit für ein neues Leben in einem Zuhause – entweder in Rumänien oder im Ausland. Denn für sie stellt sich die Frage nach dem Wert eines Tierlebens nicht. Jeder Hund ist wertvoll und hat ein Recht auf eine artgerechte, glückliche Zukunft.

Tierschutz in Rumänien auf einen Blick

  • Hundefänger erhalten Prämien für jedes gefangene Tier.
  • In Tötungsstationen werden Hunde nach einer Frist umgebracht.
  • Auch öffentliche Tierheime sind Orte, an denen Hunde oft sterben.