Magazin · Tierschutz aktiv · 08. September 2026 · 4 Min. Lesezeit
Zweite Chance für Arne – Interview mit Hundetrainerin Johanna Spahr
Bei unserer letzten Rettungsmission in Rumänien entdeckten wir Malinois Arne. Er war gerade einmal ein Jahr alt, als er im städtischen Tierheim in Buftea abgegeben wurde. Die nächsten drei Jahre verbrachte er in einem kleinen Käfig. Ohne Auslauf und nahezu ohne soziale Kontakte. Nach drei Jahren bekommt Arne nun seine zweite Chance.

Johanna Spahr @johanna_hundemensch arbeitet seit über zehn Jahren als professionelle Hundetrainerin – inzwischen hauptsächlich im Tierschutz. Foto: Johanna Spahr
Vom Trendhund zum „Problemhund“
Malinois und andere komplexe Rassehunde landen immer wieder im Tierschutz, da sich vorher nicht über ihre besonderen Bedürfnisse informiert wurde. Neben mangelnder Aufklärung ist private Züchtung die Hauptursache dafür, dass es zu „Problemhunden“ kommt. Arne war einer von ihnen. Gemeinsam mit unserem Partnerverein SpecialDogs e. V., der viel Erfahrung mit der Vermittlung von anspruchsvollen Hunden hat und die Vermittlung von Arne übernehmen wird, konnten wir ihn aus dem Tierheim retten.
Heute ist er bei Johanna Spahr, die ihm die Zeit und professionelle Betreuung gibt, die er braucht. Die gebürtige Hamburgerin arbeitet seit über zehn Jahren als professionelle Hundetrainerin – inzwischen hauptsächlich im Tierschutz. Johanna erklärt uns im Interview, warum es auch für Tiere wie Arne nie zu spät für ein typgerechtes Leben ist.
VETO: Wie bist du zum Tierschutz gekommen?
Johanna Spahr: Ich hatte von Anfang an viele Berührungspunkte mit Tierschutzhunden – Hunde, die ein zweites oder drittes Zuhause bekamen oder aus dem Ausland nach Deutschland gekommen sind. Mit der zunehmend angespannten Situation im deutschen Tierschutz wurde das über die Jahre mehr. Allein in den letzten zwei Jahren hatte ich über 30 Pflegehunde bei mir und konnte sie erfolgreich in ihr eigenes Zuhause vermitteln.
VETO: Bei unserer Aufklärungskampagne geht es um Hunde, die für bestimmte Zwecke gezüchtet worden sind und die trotz ihrer speziellen Bedürfnisse zur Trendrasse wurden. Wie siehst du die Problematik innerhalb der letzten Jahre?
Johanna: Je mehr ich mit Hunden aus dem Tierschutz arbeite, desto mehr Berührungspunkte habe ich mit Malinois, Schäferhunden und Australian Shepherds. Das erzeugt bei mir den subjektiven Eindruck, dass diese Rassen zahlenmäßig deutlich überrepräsentiert sind. Und wo die Nachfrage hoch ist, werden entsprechend viele Hunde „produziert” – von Menschen ohne Prüfung, ohne Gesundheitszeugnisse, ohne Anbindung an einen Zuchtverband, die ihre Hunde günstig und ohne Auswahlverfahren abgeben. Das Problem ist dabei nicht nur die fehlende Kontrolle, sondern dass genetische Anlage und Aufzuchtbedingungen gar nicht erst mitgedacht werden. Diese Rassen wurden über Generationen auf hohe Reizoffenheit, Arbeitswille und Belastbarkeit selektiert – Eigenschaften, die im Arbeitseinsatz Sinn ergeben und im durchschnittlichen Privathaushalt schnell zur Überforderung auf beiden Seiten führen.
VETO: Wann wird der Hund dann zum Problem für den Halter oder die Halterin?
Johanna: Erstaunlich viele Malinois, Schäferhunde und Australian Shepherds werden noch vor ihrem ersten Lebensjahr wieder abgegeben, weil Menschen unterschätzen, wie viel Arbeit so ein Hund sein kann. Medien und Kinofilme vermitteln ein Bild vom intelligenten Hund, der seinem Menschen gehorchen will. Intelligenz bedeutet aber auch: Der Hund findet zuverlässig heraus, was er sich leisten kann und wie er zu seinem Erfolg kommt. Gerade bei Malis oder Aussies äußert sich das häufig darin, dass sie im Welpen- und Junghundealter viel kaputt machen, schwer zur Ruhe finden, Dinge für sich beanspruchen oder körperpflegende Maßnahmen nicht dulden. Diese Hunde brauchen vor allem Menschen, die sehr klar sind und über Sachverstand verfügen. Und daran mangelt es in vielen Fällen – und am Verständnis dafür, dass Hunde nicht auf dieser Welt sind, um der beste Freund des Menschen zu sein, sondern Lebewesen mit eigenen Bedürfnissen. Und die können von den Bedürfnissen des Menschen ziemlich weit entfernt sein.
„Hunde sind nicht auf dieser Welt, um der beste Freund des Menschen zu sein, sondern Lebewesen mit eigenen Bedürfnissen.“
Hundetrainerin Johanna Spahr
VETO: Kann man sagen, dass erstmal die Menschen „trainiert“ werden müssen und dann die Hunde?
Johanna: Ich glaube, das eigentliche Problem ist, dass Menschen Hunden die falsche Rolle zuweisen – den Blick auf den Hund als besten Freund. Mit diesem Blick überrascht es dann, wenn Hunde Dinge tun, die uns nicht gefallen, obwohl es dafür oft gar keinen dramatischen Grund gibt. Verhalten hat für mich fast immer eine Funktion: Es hat dem Hund in seiner Lerngeschichte irgendwann etwas eingebracht. Aggressionsverhalten ist da keine Ausnahme – Hunde zeigen es meistens, weil sie gelernt haben, dass sich damit ein Erfolg erzielen lässt, etwa Distanz zu etwas Unangenehmem. Das Rollenverständnis ist aber nur ein Teil davon – am Ende braucht es genauso frühes, gutes Training. Menschen sollten sich deutlich früher kompetente Beratung holen, statt erst dann, wenn sich ein Problem schon verfestigt hat. Es geht mir also weniger darum, dass Menschen unbedingt ins Training müssen, sondern dass wir gesamtgesellschaftlich verstehen: Ein Hund ist kein bester Freund, sondern kann ein unfassbar guter Sozialpartner werden, wenn wir verstehen, dass wir als Entscheidungsträgerinnen und -träger in die Verantwortung gehen müssen. Das ist auf einer freundschaftlichen Ebene nur bedingt möglich, denn wir werden ein Hundeleben lang Entscheidungen über unsere Hunde treffen. Das bedeutet, dass wir nicht in einer symmetrischen Beziehung mit Hunden leben können, in der beide Parteien gleichermaßen an Entscheidungen beteiligt sind.
VETO: Seit wann trainierst du Arne und was hat sich seitdem verändert?
Johanna: Arne ist seit knapp fünf Wochen bei uns. Wir wussten anfangs wenig über ihn, was die Sache auch spannend macht: Im Shelter in Rumänien zeigte er sich Menschen gegenüber grundsätzlich aufgeschlossen, sobald jemand in seinen Zwinger kam – allerdings nur zu seinen eigenen Bedingungen, solange niemand etwas von ihm wollte. Sobald es um Dinge wie Geschirr anlegen oder Untersuchen ging, war das nur unter Sedation möglich. Trotzdem war es nicht einfach, eine Pflegestelle für ihn zu finden. Arne ist sehr typisch Mali darin, dass er sich stark an eine einzelne Person bindet. Malis sind nicht dafür gezüchtet, harmonische Familienhunde zu sein, die auf mehrere Personen gleichermaßen hören. Da mein Lebenspartner ihn aus dem Shelter begleitet und bereits fünf Tage allein mit ihm verbracht hatte, war er Arnes Bezugsperson – ich durfte am Anfang gar nichts. Ihn nicht ansprechen, ihm kein Futter geben, ihn nicht anfassen. Das hat sich inzwischen verändert: Ich kann ihn ansprechen, aus der Box holen, ins Auto raus- und reinnehmen. Arne nimmt mich mittlerweile als Beziehungspartnerin ernst und sieht eine gewisse Verlässlichkeit in meinem Verhalten – das ist bei ihm keine Formsache, sondern die Grundlage dafür, dass er sich überhaupt auf mich einlässt. Wenn ich nicht mit der nötigen Ernsthaftigkeit auftrete, sondern locker werde, prüft er mich noch mal: Er sucht in solchen Momenten aktiv Orientierung und testet, ob sie noch trägt. Das passiert aber deutlich seltener als noch vor einigen Wochen – ein Zeichen, dass sich Verbindlichkeit gerade erst im Alltag festigt, nicht in einzelnen Übungssituationen. Deshalb bin ich vorsichtig optimistisch, dass er dieses Verhalten mit der Zeit ablegt.
VETO: Das sind ja bereits große Fortschritte. Wenn das jetzt jemand liest, der einen „Problemhund“ hat, welchen einen Tipp kannst du dann geben?
Johanna: Wenn ich nur einen Tipp geben könnte: Versteh, welches Verhalten deinem Hund gerade zu seinem Erfolg verhilft, wie dieser Erfolg für ihn aussieht und wodurch das Verhalten beeinflusst wird – das ist die erste Frage, die man sich stellen sollte. Wie setzt der Hund das gerade durch? Ist das Verhalten selbst das Problem, oder ist es die Situation dahinter? Hat er gelernt, dass er sich damit etwas verschaffen oder etwas vom Hals halten kann? Manchmal reicht es schon, dafür zu sorgen, dass der Hund mit seinem ursprünglichen Verhalten schlicht nicht mehr zum Erfolg kommt, um diesen Kreislauf zu durchbrechen. Und ganz wichtig: Wer sich in der Erziehung seines Hundes überfordert fühlt, sollte sich professionelle Hilfe holen.
VETO: Was würdest du jemandem sagen, der sich gerade überlegt, einen Malinois oder einen ähnlichen Rassehund mit ähnlichen Bedürfnissen anzuschaffen?
Johanna: Geh in Tierheime und setz dich mit Hunden auseinander, die dort abgegeben wurden. Informier dich, was die häufigsten Abgabegründe sind und wo die Probleme liegen. Wenn ich im Bekanntenkreis jemanden habe, dessen Malinois super erzogen und ein toller Hund ist, würde ich den nicht als Maßstab nehmen. Ich würde mich immer fragen: Was ist der Worst Case, und käme ich damit klar? Und das Beste, was man tun kann: sich von einer Hundetrainerin oder einem Hundetrainer beraten lassen, ob und welcher Hund passt.
VETO: Und wenn es bereits „zu spät“ ist und man so einen Hund hat, kannst du sagen, wie viel Zeit man ungefähr in Hundetraining unter professioneller Anleitung investieren muss?
Johanna: Hundetraining findet nicht in einzelnen Stunden auf dem Hundeplatz statt, sondern betrifft im besten Fall den gesamten Alltag, den man mit dem Hund teilt. In der Praxis heißt das: mit einer kompetenten Trainerin oder einem kompetenten Trainer an den relevanten Themen arbeiten und das ganzheitlich in den Alltag übertragen. Gerade bei Malis, Schäferhunden und Co. geht es weniger um einzelne Übungen als um die Art, wie man im Alltag mit ihnen zusammenlebt. Eine gute Trainerin arbeitet intensiv über ein paar Wochen oder wenige Monate – nicht in Gruppenangeboten. Es braucht in der Regel keine zehn oder fünfzehn Termine, sondern sechs bis acht, dann sollte man bei einer wirklich kompetenten Trainerin gut aufgestellt sein. Vor der Anschaffung sollte man einplanen, in den ersten ein bis zwei Jahren bis zu tausend Euro in Training zu investieren. Und es gilt: Je sparsamer man am Anfang ist, desto teurer wird es hinterher.
„Es braucht in aller Regel sechs bis acht Termine bei einer wirklich kompetenten Trainerin. Je sparsamer man am Anfang ist, desto teurer wird es hinterher.“
Hundetrainerin Johanna Spahr
VETO: Hast du mal einen Fall erlebt, wo es zu spät war, um den Hund zu rehabilitieren?
Johanna: Das ist tatsächlich noch nie vorgekommen. Ich habe noch keinen Hund persönlich kennengelernt, wo man gesagt hat: „Da ist nichts mehr rauszuholen“, oder „Der ist hoffnungslos verloren,“ was nicht bedeuten soll, dass ich ausschließe, dass es das gibt. Was ich aber erlebt habe: Es gibt Konstellationen zwischen Mensch und Hund, die langfristig keinen Bestand haben – etwa wenn in der Vergangenheit so viel vorgefallen ist, dass sich Unsicherheiten beim Menschen hartnäckig halten. Hunde haben dafür sehr feine Antennen, was aggressives Verhalten weiter aufrechterhalten kann. Und dann zeigt sich häufig: In einem neuen Umfeld können diese Hunde sehr schnell umlernen und diese Verhaltensweisen ablegen.
VETO: Wo müssen wir deiner Meinung nach ansetzen, um das Problem an der Wurzel zu lösen? Ist es die Zucht? Strengere Gesetze? Ist es Aufklärung?
Johanna: Ich würde mir wünschen, dass Hunde nicht wie Ware konsumiert werden können, die man sich spontan anschafft. Der Privatverkauf von Hunden sollte grundsätzlich verboten werden. Hundehaltung sollte deutlich stärker geprüft werden – idealerweise mit einem Sachkundenachweis für jede Person, die einen Hund halten will, inklusive Nachweis, dass sie sich die Haltung leisten kann. Menschen müssen von Anfang an wissen, dass es teuer werden kann. Eines der größten Probleme sehe ich darin, dass Menschen sich Hundetraining nicht leisten können oder nicht bereit sind, dafür Geld auszugeben. Bei Rassen wie Malinois, Schäferhund oder Australian Shepherd bin ich im Zwiespalt: Müssen die überhaupt in Privathaushalten existieren? Ein weiteres wichtiges Thema ist die Privatweitergabe von Hunden – wenn Hunde zu Wanderpokalen werden, weil sie über Portale von privat zu privat weiterverkauft werden. Da würde ich mir wünschen, dass Tierschutzvereine flächendeckend in die Vermittlung von Privathunden eingebunden werden, damit ein Sicherheitsnetz für die Hunde besteht.
VETO: Was sagst du zum Thema Diensthunde?
Johanna: Es gibt leider eine Vielzahl ausgemusterter Diensthunde, die über dubiose Kleinanzeigenportale an Privatpersonen abgegeben werden. Das sehe ich sehr kritisch, weil es gefährliche Hunde in unqualifizierten Händen sein können. Wir haben selbst schon einen Hund aufgenommen, der von der Polizei an eine Person abgegeben wurde, die ihn tierschutzwidrig behandelt hat. Grundsätzlich stellt sich für mich die Frage, ob es in unserer technologisierten Welt überhaupt noch notwendig ist, Tiere für den Dienst einzusetzen. Dazu kommen die Hunde, die es nicht in den Dienst schaffen oder wieder herausgenommen werden. Ich finde, dieses System behandelt Hunde in vielen Fällen zutiefst unfair.
VETO: Solange das System diesen Missbrauch unterstützt, ist deine Arbeit umso wichtiger. Was liebst du am meisten als Hundetrainerin?
Johanna: Am schönsten finde ich es, Entwicklung zu beobachten – vor allem die Entwicklung von Mensch-Hund-Teams. Wenn sich ein Team gemeinsam weiterentwickelt und mehr Lebensqualität gewinnt. Auch in der Arbeit als Pflegestelle ist es schön zu sehen, wenn Hunde mutiger werden, Unsicherheiten überwinden, entspannter im Kontakt mit Artgenossen werden und dadurch gesellschaftsfähiger werden. Und am allerschönsten ist es natürlich, wenn sie ihr eigenes Zuhause beziehen, Menschen glücklich machen und einfach ein gutes Leben haben. Das gibt mir sehr viel.
Vielen Dank für das Interview, Johanna!

Dank professionellem Training bekommen Hunde wie Arne eine Chance auf ein neues Leben. Foto: Johanna Spahr
Der steigende Einfluss von Social Media begünstigt unüberlegte Anschaffungen und schnellen Abgaben. So wird aus einem Trendhund schnell ein „Problemhund“ – weil Halterinnen und Halter sich nicht ausreichend informieren oder nicht realistische genug einschätzen können, was sie im Alltag mit Hund leisten können.
VETO finanziert professionelle Trainingsplätzen für Hunde, die ohne diese Unterstützung ihr Leben im Tierheim verbringen oder sogar eingeschläfert würden.



