Magazin · Tierschutz aktiv · 10. April 2026 · 7 Min. Lesezeit
„Eine Mafia, die ihr Geschäft mit Leid, Schmerz und blutbeflecktem Geld macht.“ Aurora Tasica Simu über Tötungsstationen in Rumänien
Drogenhandel, Missbrauch von EU-Geldern, mafiöse Strukturen und korrupte Politiker: Das ganze Ausmaß hinter dem System der Tötungsstationen hat sich in den letzten Wochen auf unseren Reisen nach Rumänien gezeigt. Wir interviewten Aurora Tasica Simu zu den erschreckenden Machenschaften in ihrem Heimatland.

Mit Rückgrat und Integrität im Parlament gegen das System der Tötungsstationen in Rumänien: Aurora Tasica Simu. Foto: VETO
Wer unseren Newsletter liest und uns auf Social Media folgt, weiß längst: Die letzten Wochen waren bei VETO davon geprägt, die Situation um Rumäniens korruptes System der Tötungsstationen auf politischer Ebene zu verändern – mit Aufklärung, Aktivismus und umfassender Hilfe vor Ort.
Gemeinsam mit Creatorinnen und Creatorn, Tierschützenden sowie Politikerinnen und Politikern haben wir eine Tierschutz-Taskforce gebildet, die mit einem Treffen im EU-Parlament in Brüssel begann, mit drei aufreibenden Reisen nach Rumänien weiterging und schlussendlich den Anfang vom Ende der Tötungsstationen in Rumänien bedeuten könnte.
In Rumänien haben wir Parlamentarierin Aurora Tasica Simu interviewt, die uns einen Insider-Einblick in den möglichen Missbrauch von EU-Geldern, politische Verwicklungen und eine schockierende Realität gab, die weit über den Tierschutz hinausgeht.
„Es geht um unsere Gesellschaft. Um Geld, Drogen und Unterschlagung von Steuergeldern. Es geht um eine Mafia, die ihr Geschäft mit Leid, Schmerz und blutbeflecktem Geld macht.“
VETO: Wie sind Sie zu Ihrer Arbeit in der Politik gekommen?
Aurora Tasica Simu: Vor mehr als zehn Jahren begann ich, mich ehrenamtlich bei verschiedenen Tierschutz-NGOs in meiner Stadt zu engagieren. Als Juristin fing ich an, mich mit den Gesetzen auseinanderzusetzen und zu untersuchen, was vor sich geht und warum die Lage der Straßenhunde in Rumänien so schlecht ist. Mir wurde klar: Wenn man in Rumänien etwas verändern will, muss man selbst in die Politik gehen, denn ich hatte zuvor schon Gesetzesvorschläge eingereicht, aber nichts ist passiert. Also beschloss ich, ins Parlament zu gehen, um zu versuchen, diese Veränderungen selbst in die Tat umzusetzen.
VETO: Wie sah das in der Realität aus?
Aurora Tasica Simu: Nicht einfach. In den ersten Monaten haben mich alle ausgelacht: ‚Ach, du willst dich um die Hunde kümmern? Das siehst du als Problem, das Rumänien hat? Wir haben so viele andere Probleme – vergiss die Hunde.‘ Aber wenn man die Situation versteht, merkt man, dass es nicht nur um die Hunde geht, sondern um unsere Gesellschaft.
VETO: Inwiefern?
Aurora Tasica Simu: Es geht um Geld, Drogen und Unterschlagung. Es geht um den Missbrauch von öffentlichen Mitteln und Steuergeldern. Im Grunde geht es um eine Mafia, die ihr Geschäft mit Leid, Schmerz und blutbeflecktem Geld macht.
VETO: Das sind harte Worte. Sie haben viele Tötungsstationen persönlich aufgesucht. Was hat Sie am meisten schockiert?
Aurora Tasica Simu: Zu sehen, wie wenig Menschlichkeit die Mitarbeiter an den Tag legen. Man sieht dort Menschen, die eigentlich Mitgefühl haben sollten und sich um die Tiere kümmern sollten, die aber völlig gefühllos wirken. Sie betrachten die Tiere lediglich als Objekte und als Mittel zum Geldverdienen. Das ist das Schockierendste. Wenn man verschiedene Tötungsstationen besucht, gewöhnt man sich allmählich an den Schmerz. Man weiß schon, bevor man die nächste Einrichtung betritt, dass man dort wieder Leid sehen wird. Aber wenn man dann auch noch die unmenschliche Art der Mitarbeiter sieht, versteht man nicht, in welche Richtung sich diese Zivilisation eigentlich bewegt. Ich glaube nicht, dass man als normaler Mensch – wenn man gut ausgebildet ist und eine normale Familie hat – so etwas tun kann, ohne irgendeine Störung zu haben.
„Es geht in diesem Geschäft darum, dass gesunde Hunde getötet werden, um Geld zu verdienen.“
Aurora Tasica Simu

„Man sieht in den Einrichtungen Menschen, die eigentlich Mitgefühl haben sollten und sich um die Tiere kümmern sollten, die aber völlig gefühllos wirken," Aurora Tasica Simu. Foto: VETO
VETO: Sie sprechen von Drogenhandel. In welcher Form?
Aurora Tasica Simu: Ich hatte mich über den Handel mit Ketamin informiert, das eigentlich dazu dient, die Hunde vorm Einschläfern zu sedieren. In den Tötungsstationen töten sie die Hunde stattdessen direkt, vermerken aber in den Unterlagen, dass sie Ketamin zur Sedierung einsetzen. Es geht in diesem Geschäft darum, dass gesunde Hunde getötet werden, um Geld zu verdienen. Man erkennt nach einiger Zeit das enorme Ausmaß des Problems, mit dem wir es zu tun haben, und erfährt, dass dies ein altbekanntes Thema ist, denn all die NGOs vor Ort sagten mir: ‚Oh, aber davon wissen wir schon seit Jahren.‘
VETO: Das klingt aussichtslos. Wie versuchen Sie, die Lage zu verändern?
Aurora Tasica Simu: Wir haben uns an die Behörden gewandt, zahlreiche Petitionen eingereicht und versucht, die Situation zu verändern, aber niemand hat sich darum gekümmert.
VETO: Was ist aus Ihrer Sicht das Problem der Politik?
Aurora Tasica Simu: Viele meiner Kollegen haben die Situation nicht verstanden – sie haben nicht einmal erkannt, dass wir ein Problem haben. Ich habe dann angefangen, mit vielen von ihnen darüber zu sprechen. Und nachdem ich persönlich sieben oder acht Tötungsstationen besucht hatte, habe ich einen parlamentarischen Bericht mit meinen Beobachtungen der Abgeordnetenkammer vorgelegt und ihn an verschiedene Behörden in Rumänien geschickt.
„Ich glaube nicht, dass so etwas über einen so langen Zeitraum hinweg geschehen kann, ohne dass die Behörden davon wissen.“
Aurora Tasica Simu
VETO: Wie haben die Abgeordneten reagiert?
Aurora Tasica Simu: Einige von ihnen waren sehr schockiert. Wirklich schockiert. Sie wussten gar nicht, dass so etwas passiert. Aber ich habe auch Informationen darüber bekommen, dass es einige Politiker gibt, die Bescheid wissen und involviert seien. Leider keine wirklichen Beweise – nur Nachrichten aus der rumänischen Bevölkerung. Wir wissen also nicht wirklich, ob es wahr ist, aber meine Beobachtungen wurden den Behörden vorgelegt, und ich hoffe, dass sie ihre Arbeit tun, um zu prüfen, ob tatsächlich Politiker in einige Machenschaften involviert sind. Ich glaube nicht, dass so etwas über einen so langen Zeitraum hinweg geschehen kann, ohne dass die Behörden davon wissen.
VETO: Was ist Ihre Theorie?
Aurora Tasica Simu: Es gibt keine Beweise, aber ich denke, dass es Politiker gibt, die von den Gewinnen der Tötungsstationen profitieren. Wir wissen nicht, wie dieses Geschäft abläuft, aber irgendwie funktioniert es, denn zum Beispiel hat die Einrichtung in Giurgiu bis jetzt rund 10 Millionen Euro eingenommen und wir können nicht überprüfen, wohin das Geld geflossen ist. Wenn man sich die Einrichtung und die Hunde darin ansieht, wird klar, dass das definitiv kein Ort ist, in den 10 Millionen Euro geflossen sind.
„Es geht um mehr als nur meine persönliche Liebe zu den Tieren. Es geht darum, dass unsere Nation erwachsen wird. Ein Schritt hin zu echter Zivilisation, zu echtem Mitgefühl.“
Aurora Tasica Simu

„Ich möchte einfach nur von meiner Stadt nach Bukarest fahren können, ohne 15 Mal anhalten zu müssen, um Tiere zu füttern," Aurora Tasica Simu. Foto: VETO
VETO: Wurden Sie selbst bereits aufgrund Ihrer Arbeit bedroht?
Aurora Tasica Simu: Nachdem ich das erste Mal in einer der Tötungsstationen war, bekam ich viele Nachrichten von Leuten mit Warnungen.
VETO: Wie gehen Sie damit um?
Aurora Tasica Simu: Ich habe keine Angst. Ich bin nicht allein. Wir sind eine kleine Gruppe von Abgeordneten – auch wenn ich die Einzige bin, die sich öffentlich dafür einsetzt. Ich habe gute Unterstützung, und sollte mir etwas zustoßen, wird jemand anderes dort weitermachen, wo ich aufgehört habe. Ich halte es für sinnlos, in Angst zu leben. Es geht um mehr als nur meine persönliche Liebe zu den Tieren. Es geht darum, dass unsere Nation erwachsen wird. Ein Schritt hin zu echter Zivilisation, zu echtem Mitgefühl. Ich bin hier, weil die Menschen wollen, dass ich sie vertrete und für das kämpfe, woran ich glaube. Und das werde ich tun, bis ich meine Amtszeit beendet habe. Ich möchte einfach nur von meiner Stadt nach Bukarest fahren können, ohne 15 Mal anhalten zu müssen, um Tiere zu füttern.
VETO: Was hat sich unter anderem dank Ihres Einsatzes verändert?
Aurora Tasica Simu: Einigen Parteien ist klar geworden, dass man dieses Thema nicht mehr einfach unter den Teppich kehren kann. Letztes Jahr wurde eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen und wir haben gemeinsam mit verschiedene NGOs und Behörden einige Monate lang daran gearbeitet, die Gesetze in Rumänien zu verbessern. Derzeit liegen die Gesetzesentwürfe im Senat in den Ausschüssen zur Abstimmung. Es ist ein sehr großes Problem, und wir müssen es angemessen angehen.
„Es ist ein mörderisches Geschäft, das einem leichtes Geld einbringt. Mit Lebewesen, die nicht für sich selbst einstehen können.“
VETO: Wie geht es jetzt weiter?
Aurora Tasica Simu: Wir können uns nicht zurücklehnen, bis wir sehen, dass diese Vorschläge angenommen werden. Und danach müssen wir dafür sorgen, dass sie auch umgesetzt werden, denn wir haben zwar bereits Gesetze, die in Ordnung sind, aber sie werden nicht durchgesetzt. Es ist ein Sektor, in dem es meiner Meinung nach viel Korruption gibt.
VETO: Warum ist das so?
Aurora Tasica Simu: Es ist ein mörderisches Geschäft. Es ist ein Geschäft, das einem leichtes Geld einbringt, und da es sich um Wesen handelt, die nicht sprechen können, können sie sich nicht verteidigen. Sie können keinen Missbrauch melden.
VETO: Können Sie uns ein konkretes Beispiel dafür geben, wie der Missbrauch auf Kosten der Hunde stattfindet?
Aurora Tasica Simu: Ich war im August in Suraia und was ich dort vorfand, war so schrecklich, dass ich monatelang nicht schlafen konnte. Nachdem der Arzt dort drohte, mich rauszuwerfen, wenn ich das Handy nicht weglege, hatte ich die Polizei gebeten, den Besuch zu dokumentieren. Die Hunde waren abgemagert, nur noch Haut und Knochen. Sie hatten weder Futter noch Wasser, und draußen waren es über 40 Grad. Wir fanden tote Hunde in verschiedenen Kenneln – der Tierarzt wusste nicht einmal, dass sie tot waren. Und nach dieser Kontrolle wurde lediglich ein Bußgeld von rund 2.000 Euro verhängt. Für eine Einrichtung, die bis zu dem Zeitpunkt bereits öffentliche Mittel von rund 3 Millionen Euro bekommen hatte. Weiter passierte nichts.
VETO: Das ist schockierend.
Aurora Tasica Simu: Der Betreiber hatte über 100 Verträge mit den Stadtverwaltungen unter den verschiedenen Bürgermeistern abgeschlossen. Er bekam etwa 300 Euro pro Hund – um ihn einzufangen, ihn ins Tierheim zu bringen und nach 14 Tagen schließlich einzuschläfern. Die Anzahl der Hunde, die er in jenem Jahr angeblich eingefangen hatte, war wirklich sehr interessant: Wenn man nachrechnet, hätte er 365 Tage lang jeden Tag 19 Hunde einfangen müssen, um auf diese Zahl zu kommen. Und laut der Anzahl der Leichen, die er angeblich verbrannt hatte [Anm. d. Redaktion: Für die Entsorgung der Kadaver werden ebenfalls öffentliche Gelder bereitgestellt], hätte ein Hund etwa 1,5 Kilogramm gewogen – die Rechnung geht nicht auf.
VETO: Wo kommt die Veruntreuung von EU-Geldern ins Spiel?
Aurora Tasica Simu: Einige öffentliche Tierheime werden von den gleichen kommunalen Gesellschaften betrieben, die ebenfalls für die Abfallwirtschaft zuständig sind, sodass in diesem Bereich Misstrauen aufkommt, ob EU-Gelder, die für die Abfallwirtschaft bestimmt sind, dazu verwendet werden, Tiere zu töten. Das ist also ein weiteres großes Thema, und wir haben Anfragen vom Europäischen Parlament im Zusammenhang mit privaten Einrichtungen erhalten. Obwohl für öffentliche und private Einrichtungen dasselbe Gesetz gilt, sind die privaten durch die Behörden mehr geschützt. Außerdem darf es eigentlich nicht sein, dass private Unternehmen Geld aus öffentlichen Mitteln – also Steuergelder – verwalten. Ich finde, dass diese Gelder ausschließlich für Prävention verwendet werden sollten. Sie sollten in Kastrations- und Sterilisierungskampagnen fließen. Das war einer meiner ersten Gesetzesvorschläge und bis heute liegt immer noch dort, wo er liegen geblieben ist – in irgendeiner Schublade.
VETO: Wie sieht es mit der Kontrolle der Kastrationspflicht aus, die seit 2013 besteht?
Aurora Tasica Simu: Über fünf Millionen Hunde sind im RECS (rumänische Haustierdatenbank) in Rumänien registriert. Nur etwas mehr als eine Million Hunde sind kastriert – ein Beweis dafür, dass die Kastrationspflicht nicht ausreichend durchgesetzt oder kontrolliert wird. Andererseits sind die Strafen sehr hoch, falls man kontrolliert wird. Also werden Welpen ausgesetzt, wenn sich die Besitzerin oder der Besitzer eine Kastration nicht leisten kann – aus Angst vor dem Bußgeld. Die nationalen Behörden wissen ganz genau, was zu tun ist. Wir brauchen eine Strategie – ein nationales Kastrationsprogramm und Aufklärung. Hunde fallen nicht einfach so vom Himmel.
„Die NGOs und die Leute, die diese Missstände aufdecken, dürfen nicht aufhören.“
Aurora Tasica Simu
VETO: Wie sehen Sie die Entwicklung der letzten Wochen, in denen die Verhältnisse in den Tötungsstationen öffentlich geworden sind und Razzien dank Undercover-Aufnahmen stattgefunden haben?
Aurora Tasica Simu: Das reicht nicht aus. Es ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein angesichts dessen, was derzeit in Rumänien passiert. Die Einrichtungen werden lediglich für 30 Tage gesperrt. Sie müssen dauerhaft geschlossen werden. Es muss mehr Druck ausgeübt werden. Die NGOs und die Leute, die diese Missstände aufdecken, dürfen nicht aufhören. Und ich werde nicht aufhören, bis ich mein Mandat erfüllt habe. Ich bekomme jede Menge wirklich schreckliches Bildmaterial aus verschiedenen Einrichtungen, das nicht an die Öffentlichkeit gelangt, weil die Leute Angst haben, es zu veröffentlichen. Die Menschen haben Angst, sich an die Behörden zu wenden. Als normaler Mensch, der die Gesetze nicht kennt und keine Unterstützung hat, hat man nicht den Mut, sich zu melden.

„Wenn man etwas erreichen will, findet man Lösungen," Aurora Tasica Simu. Foto: VETO
VETO: Was muss passieren, damit sich dauerhaft etwas ändert?
Aurora Tasica Simu: Ich glaube, wenn man den Willen hat, ist es gar nicht so schwer. Wenn man etwas erreichen will, findet man Lösungen. Wenn nicht, findet man nur Probleme.
„Wir brauchen neue Gesetze. Wir müssen das Töten stoppen. Wenn wir das Töten stoppen, kann kein Geld mehr verdient werden. Das ist der einzige Weg.”
Aurora Tasica Simu
VETO: Vielen Dank für Ihre Arbeit und vielen Dank für das Interview.






